Fernsehjournalistin

 

Frankfurter Rundschau

"Wehrlose Patienten (ARD)"

Vorbildlich

Die Würde des Menschen ist in Gefahr. Damit ist die Botschaft schon gleich zu Beginn des Beitrages ausgesprochen. Und die Belege folgen auf dem Fuß. Silvia Matthies führt eine Reihe von Beispielen an, die zeigen, wie wehrlose Menschen rasch zum Objekt von Forscherinteressen werden können. Noch ist in Deutschland das meiste dessen verboten, was in Europa demnächst erlaubt werden soll.

Wohin dies führen kann und welche Gefahren dies birgt, hat Matthies eindrucksvoll aufgzeigt. Akribisch hat die Journalistin recherchiert, hat Zusammenhänge aufgedeckt, ökonomische Interessen benannt und zumindest rechtliche Grauzonen, wenn nicht sogar Gesetzesverstöße, publik gemacht. Und immer dann, wenn die Kamera an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen ist, gewann die Reportage noch an Intensität. Denn fast durchweg weigerten sich die Experimentatoren, vor das Mikrofon zu treten und sich und ihre Forschung an geistig Behinderten und psychisch Kranken zu erklären und zu legitimieren: beredtes Schweigen.

Silvia Matthies hat ein extrem schwer zu vermittelndes Thema exzellent für das Fernsehen umgesetzt. Und sie hat dabei auf Effekthascherei, Computersimulations-Schnickschnack und zwanghaft dramatisierende Einstellungen verzichtet. Der Ton war ruhig, das Ziel Aufklärung, und der Verzicht auf Aufgeregtheiten hat der Reportage zusätzliche Tiefe gegeben.

Zum einen hat die Autorin die zweifelhaften Untersuchungen an hilf- und wehrlosen Menschen wie umstrittene Medikamenten-Tests und dubiose humangenetische Untersuchungen ohne therapeutischen Nutzen benannt, aber sie ist nicht bei der Anklage stehengeblieben. Denn Matthies hat den Gegenentwurf gleich mitgeliefert: in Porträts betroffener Menschen und der Welt, in der diese leben. Die Autorin machte sich darin stark für die Bedürfnisse dieser Menschen, für eine bessere Pflege und Betreuung, für Akzeptanz und Sensibilität und unterstrich nachdrücklich, daß die verengte Konzentration auf eine medizinisch-technische Therapieeuphorie, die hilflose Patienten zu ihren Objekten macht, nicht nur zu Lasten der Betroffenen geht, sondern auch die Humanität der Gesellschaft insgesamt in Frage stellt.


Datum: 09/07/1998
Publikation: FR  Ressort: FTV
Seite:
Ausgabennr.: 156  Zeilen: 42
Autor: rbh

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